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Hans-Olaf Henkel entsorgt deutsche Geschichte PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Administrator   
Mittwoch, den 02. Dezember 2009 um 23:13 Uhr

Um die ak­tu­ellen Ver­öf­fent­li­chungen des ehe­ma­ligen BDI-Prä­si­denten Hans-Olaf Henkel in den rich­tigen Kon­text zu stellen und das ge­fähr­liche Ge­dan­kengut, das sich bei den deut­schen Eliten aus­breitet, zu ent­larven, möchten wie nach­fol­gend eine Re­zen­sion zu einem frü­heren Buch Herrn Hen­kels mit freund­liche Er­laubnis zur Kenntnis bringen. Es wird Zeit die Not­bremse zu ziehen...

 Der frü­here BDI-Prä­si­dent Hans-Olaf Henkel hat ein neues Buch unter dem Titel “Die Kraft den Neu­be­ginns“ ge­schrieben. Ver­legt hat das Werk der Dro­emer-Verlag. In dem Buch ver­rührt der frü­here Prä­si­dent des Bun­des­ver­bandes der Deut­schen In­dus­trie die Welt mit seiner per­sön­li­chen Fa­mi­li­en­ge­schichte. Letzt­end­lich ist die Grund­aus­sage des Bu­ches ein Aufruf zur Re­form des Landes.

Der ge­lernte Ökonom läßt es als Hob­by­his­to­riker in dem Büch­lein richtig kra­chen. Nach Mei­nung von Henkel “hat es den 2. Welt­krieg ei­gent­lich gar­nicht ge­geben, son­dern nur eine Fort­set­zung der Kämpfe des ersten.“ Henkel schluss­fol­gert, dass Deutsch­land damit kei­nes­wegs die al­lei­nige Schuld für die Gräuel des 2. Welt­krieges trage. In Hen­kels Buch wim­melt es von un­zäh­ligen deut­schen Op­fern, von den Toten des Bom­ben­krieges über ge­fal­lene Sol­daten bis zu den Ver­trie­benen. Die na­zis­ti­sche Schoah an den Juden, der Mas­sen­mord an so­wje­ti­schen Zi­vi­listen und Kriegs­ge­fan­genen – all das be­schäf­tigt den Autor höchs­tens aus einem Grund: “Weil es uns schuld­be­wußt durch die Welt laufen läßt.“

Der Ökonom Henkel for­dert den his­to­ri­schen Schluß­strich, er for­dert einen be­wußten Neu­an­fang be­züg­lich der ge­schicht­li­chen Wahr­neh­mung und der his­to­ri­schen Ver­ant­wor­tung. Henkel be­fürchtet “die Läh­mung un­serer nach­wach­senden Ge­ne­ra­tion, was ihnen die Zu­kunft ver­baut.“

Der Stand­ort­pro­pa­gan­dist be­klagt die “Selbst­zer­stö­rung Deutsch­lands“. Nach der In­ter­pre­ta­tion Hen­kels hat diese “Selbst­zer­stö­rung Deutsch­lands nicht mit dem 3. Reich auf­ge­hört, son­dern weit dar­über hinaus ge­reicht“. Henkel fa­bu­liert, “ich habe sogar den Ver­dacht, der Pro­zess der deut­schen Selbst­zer­stö­rung dauert heute noch an, aber dar­über will keiner spre­chen“. Für Henkel sind die Übel­täter nicht nur die “Ter­ro­risten der RAF, son­dern die geis­tige Elite, die dieses Treiben still­schwei­gend ge­bil­ligt oder gar er­mun­tert hat“. Selbst ei­nige Per­sonen in der Re­gie­rung nimmt Henkel nicht von der Kritik aus.

Wie kommt ein In­dus­trie­boss auf solche Ge­danken?

Ge­gen­wärtig pro­pa­giert der Bun­des­ver­band der Deut­schen In­dus­trie den Kampf um den Standort Deutsch­land. Das Land müsse fle­xi­bil­siert und de­re­gu­liert werden, es gelte Ab­schied zu nehmen von alten so­zialen und öko­no­mi­schen Ge­wohn­heiten.

Das Ma­gazin “Der Spiegel“ be­grün­dete vor ei­nigen Wo­chen den Abbau des So­zi­al­staates in Deutsch­land mit einer not­wen­digen zweiten Re­vo­lu­tion nach der Re­vo­lu­tion von 1989 in der DDR. Völlig zu recht dia­gno­s­ti­ziert der Spiegel: “Viele so­ziale Leis­tungen waren Re­flexe auf die Exis­tenz der so­zia­lis­ti­schen Be­dro­hung“. Den Deut­schen wird im Zu­sam­men­hang mit der Kam­pagne um Hartz IV lau­fend vor­ge­worfen, “weh­leidig zu sein“ und am “So­zi­al­klimbim“ zu hängen. Olaf Henkel geht es in seinem Buch nicht nur um die kalte, auf Basis der wirt­schaft­li­chen Kon­kur­renz exis­tie­renden, Standort-Deutsch­land-Kam­pagne, son­dern er will der Stand­ort­pro­pa­ganda etwas Fleisch und Blut und etwas fürs Gemüt mit auf den Weg geben.

Die Prä­sen­ta­tion der Deut­schen als Opfer im 2. Welt­krieg hat für Henkel meh­rere Funk­tionen, das be­schwo­rene Leid soll den So­zi­al­kahl­schlag in Deutsch­land er­träg­lich er­scheinen lassen. Des­halb soll über das “deut­sche Leid“ in der Ver­gan­gen­heit ge­spro­chen werden, statt über ak­tu­elle Ver­ar­mungs­pro­zesse. Gleich­zeitig will Henkel ein selbst­be­wußtes Op­fer­ritual insze­nieren (län­gere Ar­beits­zeiten, dras­ti­sche Lohn­sen­kungen, Be­sei­ti­gung so­zialer Leis­tungen), diese Insze­nie­rung soll mit Stolz und Pa­trio­tismus ver­bunden werden. Der Autor hat be­griffen, dass eine nur öko­no­mis­ti­sche Standort-Deutsch­land-Agi­ta­tion auf Dauer nicht haltbar ist. Nach dem Ver­ständnis Hen­kels be­nö­tigt der “deut­sche Mi­chel“ theo­re­ti­sche Recht­fer­ti­gungs­sze­na­rien, um hin­ge­bungs­voll für den Standort Deutsch­land zu schuften.

Jedes Erin­nern an die Ver­bre­chen des Na­zismus ist in diesem Zu­sam­men­hang kon­tra­pro­duktiv. Die kalte Logik des ehe­ma­ligen BDI-Chefs will keine 100%-ige Ab­leh­nung des Hit­ler­fa­schismus mehr, denn diese Ab­leh­nung ge­fährdet nach seinem Gusto den “Neu­be­ginn“ und die Um­mo­de­lung der deut­schen Rea­lität auf das Ent­schie­denste. Die Erin­ne­rung an die Ver­bre­chen des Hit­ler­fa­schismus kostet Zeit und Geld und be­för­dert per­ma­nent ge­fähr­liche Ge­danken. War doch der Hit­ler­fa­schismus nichts an­deres, als die auf die Spitze ge­trie­bene Ver­wer­tungs­logik einer be­stimmten Pro­duk­ti­ons­weise.

“Un­pro­duk­tive Men­schen“ wurden der Eutha­nasie zu­ge­führt und die Juden so­wohl für die bol­sche­wis­ti­sche Ge­fahr, als auch für die Un­wäg­bar­keiten des Welt­marktes ver­ant­wort­lich ge­macht. Die deut­schen Groß­in­dus­tri­ellen wurden nach 1945 auf die An­kla­ge­bank ge­setzt, weil sie nach­weis­lich die braunen Mas­sen­mörder un­ter­stützten und an Krieg und Ver­nich­tung pro­fi­tierten. Bis zum heu­tigen Tag wird die In­dus­trie mit dem Fa­schismus in Ver­bin­dung ge­bracht. Letzt­end­lich mußte sie eine kleine Summe für Zwangs­ar­bei­te­rent­schä­di­gungen her­aus­rücken. Die Kunst­aus­stel­lung des Fli­cken­kels in Berlin führte zu grö­ßeren in­nen­po­li­ti­schen De­batten. Zu recht wurde dem Erben des Na­zi­kriegs­ver­bre­chers Flick vor­ge­worfen, seine Aus­stel­lung sei durch die Pro­fite des Flickim­pe­riums im 3. Reich fi­nan­ziert worden.

Von sol­chen Dingen will Hans-Olaf Henkel nichts mehr wissen, er will eine öko­no­misch ge­sell­schaft­liche Er­neue­rung des Landes inklu­sive rechts­kon­ser­va­tivem Ge­schichts­re­vi­sio­nismus.

Hans-Olaf Henkel ist kein Nazi!


In dem Buch finden sich ei­nige Rand­be­mer­kungen gegen die Nazis. Man merkt Henkel an, dass ihm Nazis und braune Gruppen zu­wider sind. Henkel ist seit vielen Jahren Mit­glied von Amnesty In­ter­na­tional, er leugnet die Un­taten der Nazis nicht, er hält sie nur für hin­rei­chend be­kannt. Im Sinne des “Neu­be­ginns“ will Henkel nur nicht mehr über na­zis­ti­sche Un­taten reden. Ihm geht es tat­säch­lich darum, die “deut­sche Un­be­weg­lich­keit“ auf­zu­bre­chen.

Ihn stört das Grund­ge­setz, da es seiner Mei­nung nach zu viele Blo­cka­demög­lich­keiten ent­hält. Blo­cka­demög­lich­keiten, die nach Henkel wegen dem Par­tei­en­streit den Standort Deutsch­land ge­fährden. Na­tür­lich agi­tiert Henkel in dem Buch gegen Ta­rif­ver­träge und be­stimmte ge­werk­schaft­liche Rechte. Henkel muß im In­ter­esse der Pro­fit­ma­xi­mie­rung be­stimmte Lehren aus der deut­schen Ge­schichte ziehen. Die Kom­pe­tenzen der ver­schie­denen Par­la­mente, viel­fäl­tige Wahlen und die nicht vor­han­dene Mög­lich­keit, mit­tels Not­stand­spa­ra­gra­phen zu re­gieren, wurden ge­schaffen, mit der Be­grün­dung, “wir lernen aus der Ge­schichte“. Diese Lehren hält Henkel als Ge­schäfts­mann nicht mehr für an­ge­bracht. Ihm dauert jeder Ent­schei­dungs­prozeß zu lange und er führt die Ver­zö­ge­rungen im po­li­ti­schen Ta­ges­ge­schäft und die Rolle der Ge­werk­schaften auf die “Ver­gan­gen­heits­be­zo­gen­heit“ deut­scher Staats und Ge­sell­schafts­lehren zu­rück.

Henkel stellt die bür­ger­liche De­mo­kratie ob­jektiv in Frage, ohne auf eine Re­ak­ti­vie­rung na­zis­ti­scher Struk­turen zu setzen. Dieser Spagat führt ihn an die Seite des be­rüch­tigten Ex-CDU- Ab­ge­ord­neten Martin Hoh­mann. Er schreibt, “Hoh­mann hatte nicht dis­kri­mi­niert, son­dern wurde selbst dis­kri­mi­niert.“ Für Hoh­mann waren die Juden kol­lektiv für den Bol­sche­wismus ver­ant­wort­lich, zu­sätz­lich ver­glich Hoh­mann den Bol­sche­wismus mit dem Na­zi­re­gime. Hoh­manns Ziel­stel­lung be­steht darin, mit­tels des An­ti­se­mi­tismus den Na­zismus zu ent­lasten. Dabei folgt ihm der ehem. Prä­si­dent des BDI.

Es bleibt fest­zu­halten, ein Teil der deut­schen Elite rückt immer weiter nach rechts, pro­pa­giert Ge­schichts­ver­drän­gung und die Neuin­ter­pre­ta­tion his­to­ri­scher Ab­läufe für das po­li­ti­sche und öko­no­mi­sche Ta­ges­ge­schäft. Daran können die of­fenen Nazis an­knüpfen. Be­frie­digt stellt Udo Voigt, (NPD-Bun­des­vor­sit­zender), ge­gen­über der Ber­liner Zei­tung fest: “Das Klima nor­ma­li­siert sich, die po­li­ti­sche Ent­wick­lung ar­beitet uns ent­gegen“.

Re­zen­sion von Max Brym

Mit freund­li­cher Er­laubnis über­nommen von
www.ha­galil.com

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Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 02. Dezember 2009 um 23:40 Uhr
 

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